An(ge)dacht
von Pfarrerin Ann-Kristin Scholl | März 2025
Liebe heißt Aufblühen
Kennen Sie den Trick mit der „Rose von Jericho“? Mit dieser vertrockneten, mehr braunen als grünen Kugel, die in sich zusammengerollt ist?
Mit ein bisschen Fantasie lässt sich erahnen, dass es eine Pflanze sein könnte, erkennbar an den kleinen Ästchen mit nadelähnlicher Struktur.
Diese Rose von Jericho fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Und nicht nur mich, sondern auch Kinder fasziniert sie. Immer mal wieder lege ich die kleine vertrocknete Kugel in eine Schale und stelle sie in die Mitte eines Stuhlkreises.

Die Kinder wissen auf den ersten Blick nicht wirklich etwas damit anzufangen. Und dann bekommt ein Kind warmes Wasser in die Hand gedrückt und darf das Wasser langsam über die Rose schütten. Ganz leise wird es dann und alle schauen gespannt, was passiert. Langsam, aber stetig geht die Rose auf. Sie entfaltet sich immer weiter und füllt irgendwann die ganze Schale aus. Hier und da gibt es ein wenig Grün zu entdecken. Die Rose von Jericho blüht auf.Diese Rose erzählt für mich so viel davon, wie das Leben sein kann, ebenso wie es manche Filme auf bezaubernde Weise können.
Neulich habe ich solch einen anrührenden Film mit dem Titel „Monsieur Blake zu Diensten“ gesehen. In diese Geschichte möchte ich Sie für einen Augenblick mit hineinnehmen:
Madame Nathalie Beauvilier, Mitte 60, ist Hausherrin eines großen Anwesens in Frankreich. Sie muss um ihr Anwesen bangen, das seinen einstigen Glanz verloren hat. Gäste kommen schon lange keine mehr. Ohne ihren Mann kann sie das Anwesen nicht halten. Er ist vor vier Jahren verstorben und die Trauer um ihn ist ihre tägliche Begleiterin. Auch wenn sie eine starke Verletzung in sich trägt, weil sie lange Zeit ihren Mann mit einer anderen Frau teilen musste, liebt sie ihn bis auf den heutigen Tag. Ein Grund, weshalb sie sehr an dem Anwesen hängt. Aber schon bald bleibt ihr keine Wahl mehr: Sie sieht sich gezwungen, zu verkaufen.
Allein lebt Madame Beauvilier in dem großen Anwesen nicht:
Da ist die feldwebelhafte Köchin Odile, Ende 30, die den Laden voll im Griff hat. Von ihrem Freund, einem erfolgreichen Koch, wurde sie verlassen. Sie wollte ihm nicht nach England folgen. Madame Beauvilier isst schon lange nicht mehr richtig. So kocht Odile nur noch für den Kater Mephisto. Darüber ist sie auch froh: Sie hat Angst, dass Menschen über ihr Essen urteilen. Dann ist da noch das Hausmädchen Manon, Ende 20. Sie weiß nicht, wo sie unterkommen soll, und schläft heimlich in der Scheune. Sie ist schwanger. Ihr Freund hat sie im Stich gelassen. Und dann ist da noch Philipp, der Gärtner. Als Mittvierziger lebt er in einem kleinen Haus im Wald als exzentrischer Kauz. Er zieht den Rückzug vor, denn er kann einfach nicht so mit Menschen, wie er sagt.
Eines Abends klingelt es an der Tür. Ein unerwarteter Besucher stört die trostlose Routine:
Andrew Blake, ein erfolgreicher Geschäftsmann aus London, Ende 60, steht vor der Tür. Der Tod seiner geliebten Frau Diana, die drei Monate zuvor verstarb, macht sein Leben in London sinnlos. Und so kehrt er an den Ort zurück, an dem sie sich einst ineinander verliebten: In eben dieses Herrenhaus in Frankreich. Köchin Odile, die ihm die Tür öffnet, hält ihn für einen Bewerber auf die ausgeschriebene Butler-Stelle und das Chaos nimmt seinen Lauf. Inkognito arbeitet Andrew Blake als Butler für Madame Beauvilier und bringt einiges ins Rollen. Denn Mister Blake besitzt die Gabe, sich überall einzumischen. Mit viel Witz, Hartnäckigkeit und einer großen Portion Liebe bringt er die vier einander näher: Manon bekommt ein Zimmer im Anwesen und nimmt Kontakt zu ihrem Freund auf. Odile erklärt sich plötzlich bereit, ihre Sterneküche allen Mitbewohnern zuteil werden zu lassen.Und Philipp lernt von Monsieur Blake, dass er vielleicht doch kein so seltsamer Kauz ist, wie er denkt. Ja, und Madame Beauvilier findet in dem vermeintlichen Butler einen guten Ratgeber und Zuhörer, der ihr aus der Patsche hilft.
Alle Fünf haben ihre Lebenspäckchen zu tragen. Sie alle hat das Leben auf die ein oder andere Weise gezeichnet. Sie alle leben als Menschen mit ihrer Lebensgeschichte unter einem Dach – eher eingerollt und vertrocknet als grün und lebendig.
Diese lebenskluge Geschichte erzählt auch davon, dass es so nicht bleiben muss. Sie alle kommen sich näher. Sie lernen einander zu verstehen in ihrem Sosein. Sie alle blühen auf. Und in das trostlose Haus kehrt das Leben zurück.
Welch eine berührende Rose- von- Jericho-Geschichte!!! Die Rose von Jericho wird auch Auferstehungspflanze genannt, weil sie immer wieder zum Leben erwacht, immer wieder aufs Neue aufblüht.
Vielleicht gibt es diese kleinen Auferstehungen mitten im Leben. Wenn aufblühen darf, was vertrocknet schien: Hart gewordenes in uns wird liebevoll angeschaut. Verletzungen dürfen ausgesprochen werden. Etwas in uns darf heiler werden. Es darf zu neuem Leben erwachen. Das Leben in uns darf aufblühen – in aller Schönheit, in allem Liebreiz, in aller Zartheit.
Diese kleinen Rosen-Momente wünsche ich Ihnen hin und wieder.
Ihre Pfarrerin Ann-Kristin Scholl